Perspektivwechsel in der Pferdewelt: was wir voneinander lernen können, wenn wir aufhören zu urteilen. Interview mit Lisette Robiné

Inhaltsverzeichnis

Lisette ist Vielseitigkeitsreiterin, Journalistin und Podcasterin und sie kommt aus einer Welt, die von meiner auf den ersten Blick ziemlich weit entfernt scheint. Wir haben uns in Schweden im „Mutiversum“ getroffen, sind schnell tief ins Gespräch geraten und haben dabei gemerkt, dass wir in unseren Grundwerten gar nicht so weit voneinander entfernt sind. Wir beide wollen das Beste für die Pferde. Wir beide hinterfragen, was wir tun. Und wir beide haben festgestellt, dass die eigene Bubble manchmal enger ist, als man denkt.

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Warum wir Dinge verurteilen, die wir nicht kennen

Im Gespräch sagte Lisette einen Satz, der besonderszum Nachdenken anregt: „Man kann eigentlich nicht über Dinge urteilen, die man nicht wirklich kennt.“ Über ihren eigenen Sport, die Vielseitigkeit, kann sie mit vollem Wissen sprechen. Sie kennt ihn von innen, von allen Seiten, als Reiterin, als Journalistin, als jemand, der hinter die Kulissen geschaut hat. Über Westernsport beispielsweise weiß sie dagegen nur, was die Medien zeigen – und das reicht nicht für ein Urteil.

Das klingt simpel, aber in der Pferdewelt vergessen wir es erstaunlich oft. Im Stallalltag, in sozialen Medien, in den Diskussionen zwischen Freizeitreitern und Turniersportlern wird schnell geurteilt, oft auf Basis einer Momentaufnahme, eines Videos, eines Bildes. Wir sehen ein Pferd auf einem Turnier und schließen daraus auf den ganzen Sport. Wir beobachten eine Trainingseinheit und glauben, die gesamte Haltung dahinter zu kennen.

Turniersport und Freizeitreiter: zwei Bubbles, die selten miteinander reden

Lisette ist in einer Sportreiterfamilie aufgewachsen, mit einem Vater als Tierarzt, auf dem eigenen Hof, Unterricht bei der eigenen Mutter mit einer Ausbildung, die immer den Reiter in den Mittelpunkt gestellt hat, nie das Ergebnis allein. Diese Einstellung hat sie geprägt und hat ihr einen Blick auf den Turniersport gegeben, der sich von dem unterscheidet, was viele von außen sehen. Für sie war zum Turnier fahren immer eine Möglichkeit, den eigenen Ausbildungsstand zu überprüfen. Für Lisette geht es nicht darum, sich mit anderen zu messen, sondern nur mit ihrer eigenen Leistung.

Was ich aus der Freizeitreiter-Bubble kenne, ist oft das Gegenteil: Turniersport wird mit Leistungsdruck, Überforderung und dem Wohl des Pferdes als Kollateralschaden gleichgesetzt. Als wir in Schweden darüber gesprochen haben, habe ich gemerkt, dass ich selbst solche Glaubenssätze in mir trage, die ich nie wirklich hinterfragt hatte. Und gleichzeitig kenne auch ich genug Pferde, die darunter leiden, dass sie zu wenig gefordert werden, die sich kaputt stehen, weil sie keine sinnvolle Förderung und Forderung haben. Das ist kein Plädoyer für den einen oder anderen Weg. Es ist ein Gedankenanst0ß, die eigene Meinung einmal daraufhin zu prüfen, woher sie eigentlich kommt.

Was Medienkompetenz mit dem Stallalltag zu tun hat

Im Journalismus hat Lisette gelernt, ein Thema von allen Seiten zu beleuchten, bevor sie urteilt. Diese Haltung ist im Journalismus eine Grundvoraussetzung, im Alltag aber alles andere als selbstverständlich. Social Media zeigt uns immer nur Ausschnitte, nie einen zusammenhängenden Gesamteindruck. Ein Reel oder ein Bild erzählt meist auch nur die Geschcihte, die es zeigen soll.

Was hilft, ist zuzuhören. Wirklich zuzuhören, nicht um zu antworten, sondern um zu verstehen. Und dann Fragen zu stellen, die dem anderen Raum lassen. Nicht vorverurteilend: „Das ist falsch, weil…“ Sondern: „Ich habe das so wahrgenommen, wie siehst du das?“ Dieser Unterschied in der Haltung verändert, was in einem Gespräch möglich ist.

Das gilt im Stallalltag genauso wie im Gespräch mit dem Hufprofi. Ich erlebe es in meinen Kursen immer wieder, dass Pferdebesitzer:innen Angst haben, kritische Fragen zu stellen, weil sie fürchten, als schwierig zu gelten oder den Profi zu verlieren. Und ich erlebe es auf der anderen Seite, dass Hufprofis verprellt sind, weil Kommunikation oft entweder gar nicht stattfindet oder als Angriff ankommt. Beides hat mit Haltung zu tun und Haltung lässt sich verändern.

Sich selbst als Maßstab nehmen

Lisette sagt, sie hat keine großen Vorbilder mehr. Ihr Maßstab ist sie selbst in zehn Jahren. Nicht der Spitzensportler auf Instagram, nicht die Stallkollegin mit dem perfekt ausgebildeten Pferd. Sondern die Frage: Wo möchte ich in zehn Jahren mit meinem Pferd stehen?

Das ist auch im Kontext Hufgesundheit ein hilfreicher Gedanke. Wer anfängt, die Hufe seines Pferdes selbst zu bearbeiten, vergleicht sich oft mit Profis oder mit Ergebnissen, die nach Jahren entstanden sind. Der gesündere Vergleich ist der mit dem eigenen Ausgangspunkt. Wo war ich vor drei Monaten? Was hat sich verändert? Was verstehe ich heute, was ich damals noch nicht gesehen habe? Wie sahen die Hufe meines Pferdes damals aus?

Offen bleiben, auch wenn es unbequem wird

Was Lisette und ich gemeinsam haben, ist die Überzeugung, dass Lernen nie aufhört. Neue Pferde bringen neue Herausforderungen. Neue Erkenntnisse verändern, was man zu wissen glaubte. Und neue Gespräche, gerade mit Menschen aus anderen Bubbles, erweitern den Blick auf das, was man für selbstverständlich gehalten hat. Das kann durchaus bedeuten mutig zu sein.  Mutig ein Gespräch zu beginnen, das man sonst nicht geführt hätte, wirklich zuzuhören und die eigene Meinung zu hinterfragen. Sie darf sich wandeln und es hilft, sie als das zu behandeln, was sie ist: ein Zwischenstand, kein Endurteil.

Lisette ist auf Instagram aktiv und mit ihren beiden Podcasts „Riders Deep Talk“ und „WeideGANG“ zu finden. Beide sehr empfehlenswert, wenn du bereit bist, die Pferdewelt aus einer anderen Perspektive zu sehen.

Kommunikation in der Pferdewelt ist ein Thema, das weit über den Turniersport hinausgeht. Ob im Gespräch mit dem Hufprofi, im Stallalltag mit Kolleg:innen oder im Umgang mit Stallbetreiber:innen – wie wir miteinander sprechen, entscheidet oft mehr als das, was wir inhaltlich sagen. Wie das im Alltag konkret aussehen kann und warum alle drei Parteien, Pferdebesitzer:innen, Hufprofis und Pferde, davon profitieren, wenn Kommunikation auf Augenhöhe stattfindet, findest du in diesen beiden Artikeln: Wenn der Stallalltag zur Konfliktzone wird und Das Spannungsdreieck Hufbearbeitung: drei Perspektiven, die du kennen solltest.

 

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