Konflikte gehören zum Stallalltag dazu. Ich erlebe sie regelmäßig, wenn ich an Ställe komme und mitten in eine gerade ausgetragene Auseinandersetzung gerate, oder wenn mir Pferdebesitzer:innen aufgebracht von einer Situation berichten. Und ich kenne sie auch aus meiner eigenen Arbeit, wenn meine Hufbearbeitung hinterfragt wird oder ich mit Vorwürfen konfrontiert werde, die ein Tierarzt oder Physiotherapeut geäußert hat. Dann stellt sich für mich dieselbe Frage wie für alle Beteiligten: Wie bleibe ich sachlich, ohne das Gespräch zu verlieren?
Ein Konflikt entsteht, wenn unterschiedliche Sichtweisen, Interessen oder Auffassungen aufeinanderprallen. Was ihn eskalieren lässt, ist fast immer der emotionale Anteil. Gerade wenn es um unsere Pferde geht, kennen wir oft kein Pardon. Das führt dazu, dass aus einem sachlichen Problem schnell ein persönliches wird und am Ende steht ein Stallwechsel oder ein Dienstleisterwechsel, statt ein klärendes Gespräch.
Ich-Botschaften statt Vorwürfe: wie du Kritik so formulierst, dass sie ankommt
Der erste und wirkungsvollste Schritt ist, aus der eigenen Perspektive heraus zu sprechen, statt direkt in den Vorwurf zu gehen. Der Unterschied klingt klein, wirkt aber enorm. „Mir ist aufgefallen, dass die Hufe meines Pferdes nach der letzten Bearbeitung anders aussehen als sonst. Kannst du mir erklären, was der Hintergrund ist?“ trifft anders als „Du hast die Hufe nicht richtig bearbeitet.“ Das erste lädt zum Gespräch ein, das zweite provoziert eine Verteidigung.
Der Grund dafür liegt in unserer Psychologie: Wer direkt angegriffen wird, kann kaum anders als sich zu wehren oder sich zurückzuziehen. Beides verhindert eine echte Klärung. Wer dagegen einen Wunsch oder eine Beobachtung formuliert, gibt dem Gegenüber die Möglichkeit, zu antworten, ohne das Gesicht zu verlieren. Das gilt im Gespräch mit dem Hufprofi genauso wie im Alltag mit Stallkollegen.
Ruhe bewahren: warum eine Nacht drüber schlafen keine Schwäche ist
In emotional aufgeladenen Situationen handeln wir impulsiver, als uns das eigentlich liegt. Die einfachste Gegenstrategie ist, nicht sofort zu reagieren. Tief durchatmen, die Situation für sich reflektieren, und wenn nötig, einen Gesprächstermin für den nächsten Tag vereinbaren. Das sorgt für mehr Klarheit.
Es gibt Menschen, die in Konflikten sofort und direkt reagieren und andere, die sich lieber vorbereiten, bevor sie das Gespräch suchen. Wer den anderen im Vorfeld kurz informiert, worum es gehen soll, schafft Augenhöhe und gibt beiden die Chance, ruhiger in die Situation zu gehen. Und wer selbst mit einem Vorwurf konfrontiert wird, darf sich ebenfalls Zeit nehmen. „Das überrascht mich, lass uns morgen in Ruhe darüber sprechen“ ist eine vollständige und faire Antwort.
Offene Kommunikation: unterschwellige Andeutungen schaden mehr als zu helfen
Was ich im Stallalltag besonders häufig beobachte, sind unterschwellige Andeutungen. Es wird angepiekst, angedeutet, hinter dem Rücken geredet, aber nie wirklich offen angesprochen. Das Problem dabei: Wer nicht weiß, was ihn stört oder was von ihm erwartet wird, kann nichts verändern. Die Situation schaukelt sich über Wochen oder Monate auf, bis es irgendwann einen größeren Knall gibt, der eigentlich vermeidbar gewesen wäre.
Mein Tipp ist, Dinge direkt und früh anzusprechen. Das bedeutet nicht anklagend zu sein, aber klar. Wenn du dir dabei unsicher bist oder Angst hast, jemanden zu verletzen, kann es helfen, dir Unterstützung zu holen, eine Stallkollegin, die beim Gespräch dabei ist, oder jemanden, der als Vermittler agiert. Das Ziel ist kein Recht behalten, sondern gemeinsam wieder auf einen Konsens zu kommen, der den Stallalltag für alle leichter macht.





