2019 hatte mein Pferd Mio einen schweren Weideunfall. Was folgte, war eine lange Stehpause und eine Zeit, die mich nicht nur praktisch, sondern vor allem innerlich gefordert hat. Ich merkte irgendwann, dass sich meine Komfortzone deutlich verkleinert hatte, ohne dass ich es zuvor bewusst wahrgenommen hatte.
In den ersten Wochen durften wir keine Bewegung außerhalb der Stallgasse einbauen. Ich habe in dieser Zeit mit ihm im Stand gearbeitet und Clickertraining gemacht, um ihn zumindest mental auszulasten. Als wir dann wieder anfangen durften, war die Empfehlung des Tierarztes, ihm eine Sedierungspaste zu geben. Das habe ich ein, zweimal ausprobiert, aber schnell festgestellt, dass es nicht viel brachte. Hinzu kamen Kommentare von außen, ob ich ihn wohl halten könne, wenn wir wieder auf dem Platz arbeiten. Das hat bei mir ein komisches Gefühl hinterlassen und dazu geführt, dass ich mich nicht mehr getraut habe, auf den Reitplatz zu gehen, ihn alleine auf die Wiese zu lassen oder mit ihm grasen zu gehen. Der Fokus auf das Negative hatte meine Selbstwirksamkeit untergraben.
Was Selbstwirksamkeit bedeutet und was sie nicht ist
Selbstwirksamkeit ist die innere Überzeugung, auch schwierige oder herausfordernde Situationen aus eigener Kraft meistern zu können. Es geht dabei nicht um eine positive Denkhaltung nach dem Motto „alles wird gut“, sondern um das reale Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Das Konzept wurde in den 1970er Jahren vom kanadischen Psychologen Albert Bandura entwickelt. Er stellte fest, dass Selbstwirksamkeit ein erlerntes Verhalten ist und eng mit dem Selbstbewusstsein zusammenhängt. Wir bringen alle die gleichen Voraussetzungen mit, sie zu entwickeln – durch positive Erfahrungen und Unterstützung, die wir im Laufe des Lebens erfahren.
Wer eine geringe Selbstwirksamkeit hat, fühlt sich häufig von äußeren Umständen oder anderen Menschen bestimmt. Das geht einher mit Gedanken wie „Das schaffe ich nie“ oder „Wie soll ich das nur meistern?“ und führt dazu, dass man eher in eine passive oder sogar eine Opferrolle rutscht. Wer dagegen selbstwirksam ist, geht Herausforderungen engagiert an, ist resilienter gegenüber Rückschlägen und übernimmt Verantwortung für das eigene Handeln.
Wie sich geringe Selbstwirksamkeit im Pferdekontext zeigt
Menschen mit geringer Selbstwirksamkeit meiden herausfordernde Situationen, finden Ausreden, warum etwas nicht angegangen wird, und schieben Verantwortung gerne nach außen, auf Dienstleister, Schuldige, Umstände. Im Umgang mit Pferden kann das bedeuten, dass bestimmte Situationen dauerhaft vermieden werden, dass Trainingsthemen liegenbleiben oder dass bei Problemen schnell Dienstleister gewechselt werden, statt sich mit dem eigentlichen Thema auseinanderzusetzen. Ich kenne das aus meiner eigenen Geschichte mit Mio sehr gut.
Selbstwirksamkeit lässt sich stärken
Weil Selbstwirksamkeit ein erlerntes Verhalten ist, kann sie auch wieder aufgebaut werden. In meinem Fall war der erste Schritt, mir Unterstützung zu holen. Meine Trainerin hat mich damals dabei begleitet, ganz einfache Situationen zu üben, mit Mio ruhig auf den Reitplatz zu gehen. Jemanden an der Seite zu haben, der im Notfall da ist und einem Mut zuspricht, macht einen enormen Unterschied. Durch diese kleinen positiven Erfahrungen habe ich das Vertrauen in meine eigenen Fähigkeiten und in die Fähigkeiten meines Pferdes Schritt für Schritt zurückgewonnen.
Konkret können das folgende Schritte sein: Zwischenziele setzen und kleine Herausforderungen meistern, statt immer auf das Endergebnis zu schauen. Sich Vorbilder suchen, die realistische Erfolge erzielen, keine Profisportler, sondern vielleicht eine Stallkollegin, die entspannt alleine ins Gelände geht. Und die eigenen Emotionen reflektieren, erkennen, in welchen Situationen Angst oder Unsicherheit aufkommt, woher das kommt und wie man damit umgehen kann, ohne impulsiv zu reagieren.
Selbstwirksamkeit gilt auch für Pferde
Das Konzept lässt sich auf Pferde übertragen. Pferde, die früh mit unterschiedlichen Außenreizen konfrontiert wurden und gelernt haben, dass von diesen keine Gefahr ausgeht, sind deutlich mutiger und selbstsicherer als Pferde, die nur in der Halle geritten wurden und Traktoren, Autos oder unebenes Gelände nicht kennen. Wer seinem Pferd möglichst viele positive Erfahrungen ermöglicht, stärkt damit auch dessen Komfortzone und Selbstbewusstsein. Und das wiederum macht den gemeinsamen Alltag für beide leichter.
Selbstwirksamkeit und Stress bei der Hufbearbeitung hängen enger zusammen, als es auf den ersten Blick scheint. Wer sich nicht sicher fühlt, geht angespannt in den Termin, das Pferd spürt es, die Situation eskaliert und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten sinkt weiter. Ein Kreislauf, der sich durchbrechen lässt. Mein 3-Schritte-Plan zur stressfreien Hufbearbeitung für 0€ setzt genau dort an und zeigt dir, wie du Schritt für Schritt wieder mehr Gelassenheit und Kooperation in diese Situation bringst.





